Scham ist überall - warum wir darüber reden müssen

Foto: Klaus Joswig

Ich habe mich wieder einmal von einem besonders hörenswerten Podcast anregen lassen, dieses Thema für unseren Blog aufzugreifen.
Im Hotel Matze war der Sozialwissenschaftler, Autor und Supervisor 
Dr. Stephan Marks zu Gast. Er forscht und arbeitet zu den Themen Scham und Menschenwürde und hat einige Bücher veröffentlicht. Außerdem bietet er  Fortbildungen für viele Berufsgruppen (Schule, Pflege, Erziehung, Sozialarbeit,  Medizin, Mediation, Seelsorge, Supervision, Organisationsentwicklung, Psychotherapie,  Beratung, Führungskräfte, Polizist:innen, Hebammen, Mitarbeitende im Strafvollzug, Hospizen u.v.a.) an, in denen das Thema Scham eine Rolle spielt. Gerade ist die vollständig überarbeitete Ausgabe seines Buches "Scham : die tabuisierte
Emotion" erschienen. 
(M
omentan ist nur die vorherige Ausgabe in der Bibliothek vorhanden, die 3. Auflage 2026 wird gekauft.)

Verlagsgruppe Patmos
Scham hat viele Gesichter: Selbst so extreme Taten wie sogenannte "Ehrenmorde" und Selbstmordattentate beruhen auf dem Mechanismus von Scham und Schamabwehr. Anhand vieler Beispiele aus Familie, Beruf und Gesellschaft, erklärt der Autor, wie Scham entsteht, welche Auswirkungen sie hat und wie wir konstruktiv mit dieser - bisher tabuisierten - Emotion umgehen können. Nachdem er die unterschiedlichen Formen der Scham definiert hat und aufgezeigt hat, wie sich diese abhängig von Generationen und gesellschaftlichen Normen entwickeln, geht der Autor auf übliche Abwehrmechanismen wie Zynismus oder Zorn ein. Besonders interessant ist der Teil, in dem der Autor die Scham im geschichtlichen Kontext analysiert, z.B. am Beispiel des 30-Jährigen Kriegs, des 2. Weltkriegs oder am gesellschaftlichen Verhältnis zwischen Arm und Reich. Marks betrachtet das Thema Scham sowohl aus sozialer als auch aus psychologischer Sicht. 
In der aktualisierten und vollständig überarbeiteten Neuausgabe beleuchtet er auch die politischen Auswirkungen von Scham am Beispiel des Nationalsozialismus und des aktuellen Aufschwungs des neuen Rechtspopulismus in den USA.

Dr. Marks sagt, dass Scham überall ist: in unseren Körpern, in den Schulen, in unseren Betrieben, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Politik. Es ist eine Emotion, die wir nicht gerne spüren und über die wir nicht zu reden gelernt haben, denn Scham ist oft sehr schmerzhaft und peinlich. Aber sie bringt uns auch dazu, darüber nachzudenken, wo wir verletzlich sind und wann und wie wir andere verletzen können. Denn wir schämen uns nicht nur, wir können auch andere beschämen, unverschämt oder schamlos sein. Und genau hier beginnt die eigene Schamarbeit, so Marks. Denn Scham ist ein soziales Gefühl und wichtig für ein wertschätzendes gelingendes Miteinander.

=>    Bücher zum Thema Scham in der Stadtbibliothek

=>    im Gespräch erwähnt und zitiert: Toni Morrison "Sehr blaue Augen" in der Onleihe

=>    Leseprobe Stephan Marks: Scham : die tabuisierte Emotion

=>    viel zitiert: Leon Wurmser: Die Masken der Scham (über Universitätsbibliotheken zu entleihen)

        BB


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